KÖRPERFRAKTALE

 

Die große Kunst der Couturiers besteht oftmals darin, Kleidung so zuzuschneiden, dass umso mehr Neugierde auf das geweckt wird, was verhüllt bleibt. Nicht selten verhält sich dann der Preis umgekehrt proportional zur Menge des verwendeten Stoffs. Nylonstrümpfen ist dieses Prinzip gleichsam immanent. Sie geben vor, ein Kleidungsstück für Frauenbeine zu sein und legen doch kaum weniger offen, als sie verhüllen.

Mit dieser Eigenschaft sind sie der ideale Werkstoff für Sven Hoffmann, dessen künstlerischer Werdegang sich stets auf der Balance zwischen freier Bildgestaltung und wiedererkennbaren Wirklichkeitsfragmenten entwickelte, mit welchen technischen Mitteln auch immer dies Ziel erreicht werden konnte. Dabei gab es jedoch stets eine Konstante: das abbildhafte Element mit fotografischen Mitteln zu erzeugen und dann eben diesen identifizierbaren Wirklichkeitsabschnitt durch Manipulationen im Computer wieder  soweit zu einer eigenständigen Form zu verhelfen, dass der ursprünglich abgelichtete Gegenstand nur noch vielfach gebrochen erkennbar bleibt.

Sven Hoffmann ist ein Spieler, der die von ihm entwickelten technischen Möglichkeiten nicht um ihrer selbst willen nutzt, sondern um sich ein Universum zu schaffen, das in seiner Phantasie bereits existiert und nur darauf wartet, in sichtbare Formen gegossen zu werden und kommunizierbar zu sein. Der Künstler sprach einmal gegenüber der Presse von „Der Lust am Herumsuhlen in der eigenen Arbeit“. In der Tat, die Lust ist spürbar, steckt doch in vielen seiner Arbeiten auch Humor, ein boshaftes Statement gegenüber der realen, ordentlichen Welt, der er seine Figuren gegenüberstellt. Auch seine eigene Arbeit sieht er als Universum, das immer wieder neue Ideen und Formen gebiert. Das eine entsteht aus dem anderen, daher ist sein Ausdruck zutreffend. Doch auch, wenn dies so ist, bleiben die Bezüge zur Realität stets erhalten – und wenn sie nur in der Tatsache bestehen, dass das Rohmaterial für sein Bilder fotografisch gewonnen ist.

Reinhold Mißelbeck war langjähriger Leiter der Fotosammlung am Museum Ludwig in Köln. Mißelbeck starb 2001.

 

 

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